Wachstum liegt in der Natur des Menschen

Ich will mehr!

Mein zweiter Gastbeitrag bezieht sich auf eine Frage, die mich immer und immer wieder beschäftigt: Woher kommt der Konsumrausch, das Streben nach Mehr, die Gier des Menschen?

Eine erste These lautet folgendermassen und wird im Anschluss darauf gleich wiederlegt.

Wachstum liegt in der Natur des Menschen.

Wachstum liegt in der Natur alles Lebenden. Jedes Lebewesen, jede Art möchte seine Gene an möglich viele Individuen weitergeben und so viel Platz wie nur möglich einnehmen. Ein Baum wächst ein ganzes Leben lang. Jedes Jahr wird der Stamm um einen Ring vergrössert. Er wächst so lange, bis er stirbt, sei es durch eine Krankheit oder durch Lichtmangel wegen der Verdrängung durch andere Bäume. Der Antrieb „Wachsen-wollen“ ist überall zu finden und überträgt sich auch auf die Wirtschaft. Warum ist genug nicht genug? Wenn ich genug zu Essen, ein Dach über dem Kopf, etwas Freizeit und dazu noch den Versicherungskram bezahlen kann, sollte ich doch zufrieden sein, nicht? Warum basieren alle unsere ökonomischen Modelle auf Wachstum? Unsere Motor ist das Streben nach mehr. Nur dadurch wollen wir. Arbeiten beispielsweise. Der Kommunismus hat nicht zuletzt deswegen versagt, da es für den Einzelnen keinen Antrieb mehr gab, mehr zu tun als unbedingt notwendig (nebst der ausufernden Machtgeilheit gewisser Anführer und weiteren Missbrauchungen). Ein Teil von mir glaubt, dass das Streben nach Mehr ganz einfach in unserer Natur liegt.

Ist der Mensch seinen natürlichen Trieben machtlos ausgesetzt?

Sind wir von Impulsen getriebenen ausschliesslich „natürlichen“ Lebewesen? Mit unserer kognitiven Denkfähigkeit sollte es doch möglich sein, schonend mit unseren endlichen Ressourcen und unseren Mitmenschen umgehen zu können. Wir leben mit potenten Hilfsmittel technischer Art und könnten berechnen, was uns zusteht und was nicht. Dies ist rational nachvollziehbar und kann durch Gesetzte untermauert werden. Die Menschen müssten sich daran halten. Nicht nur der Gesetzte wegen, sondern auch durch Überzeugung. Eine Welt, in der alle genug haben, nicht mehr, aber auch nicht weniger, wäre doch für alle erstrebenswert. Wir können das alle rational verstehen, denke ich, warum halten wir uns denn nicht daran? Zugegeben, das perfekte Modell zu kreieren ist eine äusserst komplexe Sache. Ich denke, es ist schon ein guter Anfang, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass das Streben nach mehr in unseren Genen liegt, wir uns aber als mehr oder weniger rationalen Lebewesen selber Grenzen setzten müssen. Dies kann im kleinen Geschehen, wie einer etwas teureren Fairtradehose statt drei billigen Jeans. Oder auch im grösseren Stil  indem ich beispielsweise einen Teilzeitjob annehme und mich in der verbleibenden Zeit für andere Menschen oder etwas anderes, lohnenswertes einsetzte. Das sollte doch der Motor sein: Genug für alle statt mehr für einzelne.

3 Gedanken zu „Wachstum liegt in der Natur des Menschen

  1. Der Gegenpol zum Wachstum ist Vergehen. Beides gehört zum Leben. Beides gehört zusammen. Beides bedingt sich gegenseitig.
    Das Problem ist nicht, dass man wachsen und immer mehr möchte. Sondern das die meisten Konsumartikel nicht vergehen.
    Von einem Artikel, der rückstandsfrei vergeht, ist es nicht ein Problem immer mehr zu wollen.
    Um die wirtschaftliche und ökologischen Problem zu lösen, bräuchte es Produkte die rückstandsfrei vergehen. Beispielsweise: Holzspielzeug, Holzmöbel, Textilien aus Naturfasern, etc.
    Der Kommunismus ist nicht gescheitert. Untergegangen ist die UdssR. Die UdssR war ein SOZIALISTISCHES und kein KOMMUNISTISCHES Gebilde. Je nach politischen Standpunkt wurde des Sowejtsozialismus auch als Staatskapitalimus bezeichnet.
    Gescheitert ist Planwirtschaft und Diktatur des Proletariats. Der namens gebende Räteozialismus wurde in den 30er Jahren von Stalin abgeschafft (roter Terror), respektive dessen prominentester Vertreter Leo Trotzki auf Stalins Befehl ermordet. Der Sozialismus sowjetischer Prägung findet sich heute noch in China und Kuba. Wenn auch vieles nicht gut ist, so stimmt die Behauptung das in China und Kuba der Sozialismus gescheitert ist, nicht oder nur eingeschränkt.
    Kommunismus oder anders gesagt Gemeinschaftseigentum ist nicht gescheitert. Genossenschaften und Kooperativen gibt es viele. Die funktionieren meistens auch gut. Oft besser als Firmen und Organisationen die im Privatbesitz sind. Man vergleiche die privatisierte Wasserversorgern in England mit genossenschaftlich organisierten Wasser- und Stromversorgern in der Schweiz.

  2. Besten Dank für diesen bereichernden Kommentar. Ja, wachsen und vergehen sollte sich die Waage halten. Doch da das Vergehen im Zeitalter rasanten technologischen Fortschritts künstlich wegbedungen wird, gerät diese Waage in Ungleichgewicht zugunsten des Wachstums. Auf eine nachhaltige Lebensweise sollte darum Acht gegeben werden, sowohl im Kleinen, beginnend beim ich, als auch im Grossen: Politik, Recht, Wirtschaft. Nur wenn alle am gleichen Strick ziehen, ist ein Wandel in Richtung Gleichgewicht möglich.
    Ob nun der Kommunismus oder Sozialismus gescheitert ist, möchte ich an dieser Stelle offen lassen. Wichtig scheint mir, dass ich dessen Grundwerte und Überzeugungen teile, wenn sie auch in der Umsetzung schwierig sind. So würde ich die Lebensbedingungen der Chinesen oder Kubanern nicht grundsätzlich als besser einstufen als diejenigen eines Bürgers aus einem westlichen Land. Was nicht heissen soll, dass diese Ideologie verworfen werden soll.

    1. Das Chinesen und Kubaner überhaupt einen Standard haben (egal ob schlechter oder besser), haben sie dem Sozialismus zu verdanken. Dass es dort um die Natur und die Menschenrechte nicht zu Besten steht, ist mir auch klar. Der Fortschritt hat seinen Preis. Zwei Schritte vor und einer zurück oder so.
      Überproduktion und Nachhaltigkeit passen nicht zusammen. Der Zwang in gesättigten Märkten Gewinn zu generieren ist typisch für kapitalistische System in der Spätphase. Irgendwann ist auch damit fertig und es bleiben zwei Optionen um das System neu zu starten: Schuld- und Erlassjahr oder Krieg um den Arbeitskräfteüberhang abzubauen und einen Wiederaufbau zu ermöglichen. Wie es aussieht, gibt es einen Krieg, für einen sozialen Neuanfang scheint niemand bereit zu sein. War das letzte mal vor 80 Jahren auch nicht anders.
      Nachhaltiger Konsum ist ein Gebot der Stunde. Wie man die kaufberauschte Mehrheit dazu bringt, ist mir auch schleierhaft.

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